Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Im Rahmen des Buchprojekts «Stadtidentität der Zukunft» hat das Büro für Stadtfragen zu dieser Frage ein Gespräch mit Winy Maas geführt. Der Holländer ist Mitgründer des weltweit tätigen Rotterdamer Architekturbüros MVRDV. Das Buch ist soeben erschienen: M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, jovis Verlag Berlin, 2012, 45 Fr.

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

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Meisterlich

Sonntag, 29. April 2012: Stadion St. Jakob-Park – alias JoggeliSektor C3, Reihe 14, Platz Nr. 320, Basel-Lausanne Sports 3:1, 15. Meistertitel, der Dritte in Folge: Wer dem FC Basel 90 Minuten beim Fussball zuschaut, erlebt das Zusammenspiel von Städtebau, Architektur und Sport.

Bilder: Stadtfragen

sta. Fussballfans wissen es: Das Kürzel FCB steht für “B” wie Basel, Barcelona oder Bayern München; die Clubfarben Rot und Blau ebenfalls für Barcelona und Basel. Fussball- und Architekturfans wissen noch mehr: Ausschliesslich für die Stadt Basel und den hiesigen FCB steht Rot-Blau in Verbindung mit der Architektur von Herzog & de Meuron. Seit 2008 bilden in der Stadt am Rhein der St. Jakob-Park (1999-2001) mit Shopping-Center, Seniorenresidenz und dem Fussballstadion - das Joggeli – und der 71 Meter hohe St. Jakob-Turm ein urbanistisches Ensemble. Wer dem FCB – wie etwa am letzten Sonntag beim Gewinn der Meisterschaft – zusieht, erlebt bewusst oder unbewusst die symbiotische Wirkungskraft von Städtebau, Architektur und Sport: Stadt findet als Phänomen gleichzeitig im Event, im städtebaulichen Ort, beim Shopping und in der Architektur der einzelnen Bauten einen stimmigen und für Basel spezifischen Ausdruck. “B” steht hier als Kürzel deshalb beispielhaft für einen Best Urban Space.

Ausserhalb des Stadions stilisiert der St. Jakob-Turm ein kristallines Stadttor an der Basler Stadt- bzw. Kantonsgrenze zu Basel-Landschaft. Mit seiner unaufgeregten, subtil ikonisch anmutenden Präsenz, dem Angebot an Wohn-, Büro- und Dienstleistungsflächen und der städtebaulichen Anbindung an den Stadionbau hat das Hochhaus mindestens drei Gesichter: Eines für seine Bewohner/innen, eines für die nahe und fernere Stadtsilhouette und eines für die Besuchenden der FCB-Fussballspiele. In der Turmspitze befinden sich zwei Maisonette-Wohnungen. Nicht nur das Stadioninnere ist von dort aus gut sichtbar, sondern bald auch HdM’s Himmelsleiter “Bau1″ für Roche.

Für den FC Basel bedeutet der 3:1 Sieg vom letzten Sonntag gegen Lausanne Sports der 15. Meistertitel und gleichzeitig der Dritte in Folge. Welchen Anteil daran der Städtebau und die Architektur der Basler Architekten und Fussballfans Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben, darüber liesse sich bestimmt sehr lustvoll debattieren. Unbestritten ist, dass sowohl Fussballclub und Architekturbüro sportlich wie unternehmerisch erfolgreich in der Champions League spielen können.

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Ausgezeichnet

Am letzten Freitag hat die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm im KKL Luzern den Award für Marketing + Architektur 2012 erhalten.

Der 2011 eröffnete Neubau von Graber & Steiger Architekten Luzern stilisiert die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Hotelbauten, dem touristischen Standort und der alpinen Bergwelt. In einem Interview haben die Architekten dem Büro für Stadtfragen ihr Entwurfsprinzip form follows mountain erläutert. Die Architekturkritik ist im Werk, bauen + wohnen, Nr. 12/2011 erschienen.

Der Award für Marketing + Architektur wurde zum dritten Mal vergeben. Die Auszeichnung will beispielhaft aufzeigen, wie Firmen, Institutionen, Architektinnen und Architekten sowie Bauherren die Architektur als Marketinginstrument einsetzen. Den letzten Ward 2010 gewann die Jugendherberge Scuol.

Bild: Dominique Marc Wehrli

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Fünf Ansichten zu Frank Gehry

“Mir gefällt die Art und Weise, wie das Gebäude an diesen Ort passt”, sagte Frank Gehry anlässlich der Eröffnung der Cleveland Clinic for Brain Health 2010 in Las Vegas. “Ich habe nicht versucht, mit dem Chaos rundherum zu konkurrenzieren”. Das Büro für Stadtfragen hat das Gebäude besucht. Die Architektur überzeugt ausgerechnet hier in Vegas – auch wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht ohne Vorbehalte begegnen kann. Eine Dokumentation in fünf Ansichten.

Bilder: Büro für Stadtfragen 2012, Zitate Frank Gehry: Interview ap 2010

Ansicht aus der Luft (Titelbild)

(sta/Las Vegas/2/2012) Gedanken an Las Vegas beginnen und enden gewöhnlich mit Gedanken an den berühmten Strip: Der sieben Kilometer lange Stadtstreifen mit seinen architektonisch inszenierten Themenwelten verkörpert weitaus erfolgreicher als etwa Einzelbauten die urbane Destination Las Vegas, die jährlich 39 Millionen Gäste in die Wüste Nevadas lockt. Nachdem Frank Gehry zuvor mehrere Bauaufträge in Las Vegas abgelehnt hatte, baute er hier zwischen 2007 und 2010 dann doch. Seine Cleveland Clinic (Bildmitte) sollte sich jedoch von der “cacaphony” der Hochhaus- und Casino-Architektur, so Gehry, deutlich abheben. Dass dieses Unternehmen im Stadtkörper von Las Vegas nicht einfach ist, jedoch mit Hilfe einer überzeugenden, städtebaulich offenen Insellösung gelingen kann, lässt das Luftbild (Standort: Aussichtsturm Hotel Stratosphere) mit dem Gebäude in seiner Umgebung zuerst nur erahnen. Das Areal ist eine städtebauliche Insel, die an der Ecke eines ehemaligen Eisenbahngrundstücks liegt, westlich von downtown Las Vegas mit der berühmten Freemont-Street und dem Golden Nugget. Meistens blauer Himmel, braune Berge, die rote Steinpyramide des Clark County Government Center prägen an diesem Ort die Aussicht. Im Stadtgrundriss ist die Anlage zudem von einem grossen, ja masslos großen Möbelausstellungshaus mit Convention Center, dem World Market Center flankiert, zudem von einer Outlet-Shopping Mall und der Baustelle für ein Kultur- und Konzertzentrum. Die Ankunft mit dem Auto erfolgt auf einem für Las Vegas typischen, grosszügigen Parkplatz.

Ansicht downtown

Gehry’s Entwurf besteht aus zwei unabhängigen Gebäuden: zum einen aus den viergeschossig aufgetürmten, kubischen Nutzungseinheiten der Tagesklinik (rechts im Bild), zum anderen aus dem formal dekonstruierten, metallisch glänzenden Event Center (linker Gebäudeteil). Den offenen Zwischenraum überdeckt eine mehrfach gefaltete Stahlskulptur. Als Fortsetzung der Fassade des Event Centers lehnt sie sich formal eigenwillig und scheinbar eher unwillig an die Tagesklinik an. “It’s not just blah, blah, blah, bland”, nicht nichtssagend, davon ist Gehry überzeugt, gerade weil die Architektur in indirekter Nachbarschaft zu downtown Las Vegas einen Beitrag an die Stadt liefere. Der Getränkeproduzent Larry Ruvo, dessen Vater an einer Hirnkrankheit gestorben war, hatte als Auftraggeber und Mäzen der Cleveland Clinic von Gehry nichts anderes als genau das erwartet: “Er hat mich gebeten, ein für Las Vegas einmaliges Gebäude zu schaffen, dass als solches, ähnlich einem Markengetränk in einem Shoppingcenter, sofort erkannt wird und das als Marketingsintrument verschiedene Gruppen anzieht, die hier Events durchführen”, so der Meister rückblickend. Die Arbeiten begannen 2007. Die Klinik wurde 2008 fertiggestellt, das Event Center 2010. Der Gesamteindruck, die Zugänge und Zwischenräume überraschen und überzeugen vor Ort gleichermassen; Klinik, Event Center und Gartenanlage bilden zusammen eine in ihrem Masstab eigenständige und stimmige Adresse. Gesamtkosten: 75 Millionen Franken.

Ansicht vor Ort

Die Cleveland Clinic offenbart vor Ort ihre Absichten unmittelbar – und auch jene bekannten des Architekten Frank Gehry: “You deliver a unique building, that creates a sense of pride, that works, that keeps the rain out, is uplifting and makes you happy to go to work and live in”. Dass der Regen draussen bleibt, dafür sorgt beim Event Center u.a. eine in China produzierte, rostfreie Stahlstruktur, die mit 18’000 an Ort und von Hand gebürsteten Elementen verkleidet ist. Wie das Interesse am Gebäude und die Reputation der Clinic zeigen, schafft die bei Tageslicht glänzende und nachts bunt illuminierte Architektur nicht nur für Patienten von Hirnkrankeiten wie Alzheimer oder Huntington einen Mehrwert, sondern auch für die Besitzer und sogar für die Stadt Las Vegas, die mehr sein will als eine “City of Entertainment”. Die ikonische Architektur Gehry’s stilisiert als Architekturmarke gleichzeitig die Win-Win-Situation der daran Beteiligten und deshalb die Rahmenbedingungen für die ökonomische Machbarkeit des Neubauunternehmens an diesem Ort. Wie offiziell erzählt wird, hatte vor allem die Wirkung und Formensprache von Gehry’s Architektur bereits in der frühen Entwurfs- und Projektphase mitgeholfen, das Bauprojekt, den späteren Betrieb und die Forschungsarbeiten in der Clinic mit Foundrising zu finanzieren.

Ansicht zu Fuss

Seit der Eröffnung macht die Architektur der Klinik Tages-Patienten und Forschende aus aller Welt glücklich. Besuchenden, die nicht in den Genuss einer Führung kommen, bereitet vor allem der öffentlich zugänglich Garten (Landschaftsarchitektur: Atelier Deneen Powell) eine Freude. Vom offenen Foyer zwischen den beiden Gebäudeteilen aus lädt er zu einem für die Autostadt Las Vegas eher ungewöhnlichen Areal-Spaziergang ein. Die Anlage der Cleveland Clinic präsentiert sich dabei als bauliches Gesamtkunstwerk: Wege, Ansichten, Bepflanzung, Kunstobjekte, Sitzgelegenheiten sind auf kleinstem Raum harmonisch mit dem Gebauten abgestimmt.

Innenansicht

“Es hat mir den Atem genommen”, soll Gehry, mittelweile 81 Jahr alt, bei der Eröffnung des Event Centers gesagt haben. Tatsächlich ist das Innere des Event Centers ohne direkten Augenschein kaum vorstellbar. Was aussen an der Fassade in Form einer Netzstruktur aus Fenstern leicht bis zerbrechlich wirkt, präsentiert sich innen als massive aber dennoch leichtfüssig tragende bzw. abgestützte Wand- und Deckenkonstruktion. Die statisch eigenständige, mehrfach gefaltete und gebogene innere Fenster-Fassade lässt sich im Gebrauchsfall mit allen Mitteln der Licht- und Tonkunst inszenieren: der rote Teppich, weisse Wände und eine vom Möbel bis zum Teller von Frank Gehry entworfene Ausstattung bilden die Grundausstattung. Too much? In den Augen Gehry’s wohl kaum, denn alle Entwürfe dienen einem übergeordneten Ziel, dem der Architekt seine Gestalt verleiht: “Das Wichtigste ist die Persönlichkeit des Gebäudes. Ich kann jedoch verstehen”, so Frank Gehry, wenn jemand das nicht versteht, “when somebody doesn’t get it”, denn solche Dinge benötigen seiner Meinung nach eben ihre Zeit. Zum Beispiel dann, wenn man Frank Gehry’s Formen-, Struktur- und Materalvirtuosität nicht vorbehaltlos begegnet. Erfrischend einfach wirkt in diesem Fall das Innenleben der Klinik. Helle, offene Räume und Frank Gehry’s Möbel aus Fichtenholz sorgen für eine angenehme Aufenthaltsqualität.

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Carte Blanche 2011

(sta) Die Carte Blanche 2011 in Form einer Kunstkarte A5 hat das Büro für Stadtfragen an den Luzerner Fotografen und Künstler Andri Stadler vergeben. Die Fotografie ist 2011 im Rahmen eines mehrmonatigen Atelieraufenthalts in der französischen Hauptstadt – in der Abenddämmerung von Paris – entstanden.

Original: Andri Stadler / Fotografie c-print / 175 cm x 262.5 cm / Paris 2011

 

 

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In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees. Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

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Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering “Stadt-Schmiede am Pilatusplatz” in der NLZ, Dossier “Hochhaus”, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering “Stadt-Schmiede am Pilatusplatz” ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

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Höhenweg auf Pilatus Kulm

Bilder: Dominique Marc Wehrli.

(sta) Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut: ein Gespräch über die Hintergründe der Architektur, über ihre Arbeitsweise als Autoren und ihren kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin “041″, Ausgabe November 2011, erschienen.

„Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Erkennt ihr in eurer Arbeit auch eine für Luzern typische Architektur?

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


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Architekturdesign für Japan

LUCERNE FESTIVAL mit Michael Häfliger und die japanische Konzertagentur Kajimoto Music haben heute im KKL Luzern den Entwurf des Projekts ARK NOVA präsentiert, eine transportable Konzerthalle für hochstehende künstlerische Darbietungen. ARK NOVA soll der vom Erdbeben schwer getroffenen Region Higashi-Nihon im Norden Japans ab Frühling 2012 mit Musik und Architektur Hoffnung und Zuversicht bringen. Der japanische Architekt Arata Isozaki und der britisch-indische Künstler Anish Kapoor haben ARK NOVA gemeinsam entworfen. Noch nicht bekannte Sponsoren sollen das mit viel kulturpolitischem Prestige angereicherte Projekt für vier bis fünf Millionen Euro finanzieren.

(sta) “ARK NOVA – A Tribute to Higashi Nihon” ist von der Idee beseelt, dass im vom März-Erdbeben dieses Jahres geschwächten Norden Japans nicht nur Häuser und die Infrastruktur, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht der Menschen wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem Ziel, “the power of art, architecture and music” zu den Menschen zu bringen, wird derzeit unter der Führung des japanischen Architekten Arata Isozaki eine mobile Konzerthalle projektiert, die in verschiedene Region transportiert werden kann. Im Frühling 2012 sollen darin die ersten Events stattfinden.

Der heute präsentierte Entwurf zeigt eine Halle (72 m x 42 m im Grundriss), die  500 bis 700 Sitzplätze anbietet und 23 m hoch wird. Die aufblasbare Hülle (pneumatische Struktur) besteht aus einem elastischen Material, das einen schnellen Auf- und Abbau und den Transport mit einem Konvoi aus Lastwagen erlaubt. Für das Design der Konzerthalle arbeitet Isozaki mit dem indischen Künstler Yanish Kapoor zusammen. Sein aufblasbare Skulptur “Leviathan”, ein biomorph geformtes “Monster” (Kapoor),  dient dem Projekt als Vorbild. Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics sorgt für die richtige Akustik. Und der Londoner Theaterexperte David Staples, bereits Mitstreiter von Michael Häfliger beim Projekt Salle Modulable, ist ebenfalls als Berater beigezogen worden.

Bühne und Begegnungsort mit Prestige

Die heutige Präsentation im KKL mit einer Live-Schaltung nach Tokyo zum Kulturminister und einem Kurzkonzert unter der Leitung von Claudio Abbado hat gezeigt, dass ARK NOVA (eine Umdeutung der Arche Noah) aufgrund der beteiligten “Dream-Teams” (Masahide Kajimoto) und im Sinn der Promotoren eine wichtige und breit abgestützte, humanitäre Geste darstellt. Gleichzeitig ist das Projekt unübersehbar mit viel kulturpolitischem Prestige angereichert worden, das in der Umsetzung auf eine entsprechend global ausgerichtete Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen ist. Die Sponsoren und Donatoren, die ARK NOVA möglich machen, konnten Michael Häfliger und Masahide Kajimoto heute trotzdem noch nicht präsentieren. Die rote Halle soll gleichzeitig als Bühne für verschiedenste Aufführungen und als Ort der Inspiration eingesetzt werden können. Klassische Musik, Jazz und Tanz sollen ebenso möglich sein wie Multimedia- und Kunstprojekte. Für die Programmierung der Konzerthalle sorgen LUCERNE FESTIVAL und der japanischen Konzert- und Künstleragentur Kajimoto nahe stehende Persönlichkeiten. Das Sponsoring soll ermöglichen, dass der Besuch der Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld möglich ist.

Arata Isozaki

Arata Isozaki, geboren 1931, gehört zu den weltbekanntesten Architekten. Bevor er 1963 sein Büro gründete, arbeitete er u.a. bei Kenzo Tange. Bekannt geworden ist Isozaki in den 1960er Jahren mit seinen Projekten in Japan (Metabolisten) und in den 1990er Jahren mit Bauten u.a. in Barcelona, Orlando, Kraków, Kyoto, La Coruña and Berlin (Potsdamer Platz). Heute ist Isozaki weltweit tätig. Für die Präsentation in Luzern musste er sich ganz kurzfristig entschuldigen.

Kapoor: Monumentale Skulpuren

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Mit seinem Stahlturm ArcelorMittal Orbit leistet er einen wesentlichen Beitrag für das ikonische Spektakel an den Olympischen Spielen 2012 in London. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

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Arbor Felix: eine Stadt im Umbau

Eine Stadt im Umbau: Was vielerorts politische Vision oder Wunschtraum der Planung bleibt, ist in der Kleinstadt Arbon am Bodensee mit dem Spatenstich «Neue Linienführung Kantonsstrasse» definitiv Realität geworden. Das 60-Millionen-Strassenprojekt ist das urbanistische Kernstück einer in ihrer Substanz und politisch-planerischen Konsequenz für die Schweiz aussergewöhnlichen Stadtentwicklungspolitik.

(sta) Wie bei einem Spatenstich üblich, hatte die Szene vom 30. Juni 2011 an der Ecke St. Gallerstrasse/Stickereistrasse in Arbon vor allem Symbolcharakter: Regierungsrat Jakob Stark und Stadtammann Martin Klöti holten gemeinsam mit Chefbeamten und Projektleitenden zum ersten Schlag aus, mit dem der Abbruch der Liegenschaft Locher und damit der Bau der neuen innerstädtischen Verbindung «Neue Linienführung Kantonsstrasse» ihren Anfang nahmen. Die «NLK», wie das Strassenprojekt genannt wird, soll im Spätherbst 2013 dem Verkehr übergeben werden.

Urbanes Rückgrat für Arbor Felix

Konzipiert als neues urbanes Rückgrat für den Stadtkörper von Arbon (römisch Arbor Felix = glücklicher Baum) ist die NLK mehr als eine umgelegte Linienführung der Kantonsstrasse: Sie ist die planerisch-politische und städtebauliche Grundlage, um die Regeneration der historischen Altstadt – das gefühlte Herz der Stadt Arbon – in Angriff zu nehmen und gleichzeitig die Entwicklung einer neuen Stadtmitte (Modellbild) zwischen dem Königareal und Bahnhof zu ermöglichen. Auf dem Königareal steht bereits der Rohbau eines wichtigen Grundsteins dieser Stadtmitte: die Überbauung Rosengarten von Max Dudler mit Detailhandel im Erdgeschoss und darüber liegenden Dienstleistungen sowie über 70 Wohnungen in zeitgemäss-städtischem Ambiente und mit Aussicht auf den See und in die Berge. Mit der Realisierung des östlichen Teilstücks erhöht die NLK zudem die Planungssicherheit und damit die Standortqualität auf dem innerstädtischen Entwicklungsareal SaurerWerkZwei, eine Industriebrache von 200’000 m2 Grösse, die für die langfristige wirtschaftliche Zukunft der Stadt Arbon von Bedeutung ist.

Breit abgestützte Chefsache

Die NLK ist das Schlüsselprojekt einer seit 2006 unter der Führung von Stadtammann Martin Klöti politisch-planerisch konsequent verfolgten, von den lokalen und kantonalen Behörden ebenso wie von der Bevölkerung an der Urne mitgetragenen Arboner Stadtentwicklung, die gleichzeitig kurz- und langfristige Ziele verfolgt: Arbon hat auf diese Weise bereits einen neuen Hafen (2009) und ein Saurer-Museum (2010) erhalten, seine Quaianlage aufgewertet, einzelne historische Gebäude wie das in seiner Architektur klassisch-moderne Strandbad Arbon aus den 1930er Jahren erneuert sowie den Bau zahlreicher Wohnungen an bester Lage erlebt. Die Schlüsselprojekte der Stadtentwicklung waren dabei jeweils auch an der lokalen Weihnachtsausstellung ARWA präsent, was einen einfachen Grund hat: Unter Stadtammann Martin Klöti ist die Kommunikation wichtiger Baustein für den politisch-planerischen Erfolg – und damit auch für die Bestimmung und die Umsetzung der jeweils richtigen Lösung.

83%-Ja-Stimmen zu einer Strasse

Der Hinweis auf die Bedeutung der Kommunikation beim Planen und Bauen in Arbon erklärt indes nur in Teilen, wieso die Arboner 2010 dem durch den Bund (Agglomerationsprogramm), den Kanton Thurgau und die Stadt Arbon gemeinsam finanzierten Strassenprojekt NLK an der Urne mit über 80%-Ja-Stimmen zugestimmt haben. Mindestens ebenso überzeugend auf die fachlichen Fragestellungen und die lokalen Verhältnisse abgestimmt sind im Projekt NLK die ortsbaulich-architektonische Gestaltung (Staufer & Hasler Architekten) und das verkehrstechnische Gesamtkonzept: Die NLK schafft als zentrale Verkehrsachse neue Verbindungen für Fussgänger und Velofahrende, sie befreit die Altstadt vom Durchgangsverkehr einer Kantonsstrasse, beruhigt die innerstädtische Verkehrssituation in den Wohnquartieren (Bahnhof- und der Landquartstrasse) und schliesst die verkehrstechnische Zugangslücke zur Industriebrache Saurer WerkZwei.

Mit dem Spatenstich am 30. Mai 2011 ist der Stadtumbau in Arbon einen weiteren Schritt realer geworden. Die Realisierung der NLK wird dafür sorgen, dass dieser die Arboner Stadtgeschichte nachhaltig prägende Zustand über mehrere Jahre wirksam und erlebbar bleiben wird.

Der aktuelle Stand der Arboner Stadtentwicklung ist online dokumentiert.

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